Der evangelische Notfallseelsorger Albrecht Roebke (links) und sein katholischer Kollege Marco Limberger im Gespräch mit Helfern der DLRG, des Roten Kreuzes und der Feuerwehr. Foto: Wolfgang Thielmann

Notfallseelsorge – Die Bilder des Grauens verarbeiten

von Redaktion EKASuR

23.07.2021

Aus dem Feuerwehr-Passat gehen die beiden Notfallseelsorger Albi Roebke und Marco Limberger sofort in den Gesprächsraum des Roten Kreuzes in Euskirchen.


Was sie hinter der Tür hören und sagen, fällt unter das Seelsorgegeheimnis. Feuerwehrleute und Rotkreuzhelferinnen müssen die Bilder loswerden, die sie in der Katastrophenregion zwischen Swisttal und Bad Neuenahr gesehen haben, und es soll schnell gehen. Dann haben die Einsatzkräfte die Chance, nicht in ein Trauma zu fallen, das ihr Denken und Fühlen mit den Bildern des Grauens vergiftet, sie unkontrolliert reagieren lässt und ihnen mitten im nächsten Einsatz die Kraft raubt.

Jetzt erzählen sie von Menschen, die tagelang in Todesangst auf Hilfe gewartet haben, von Kameraden, die selber um ihr Leben kämpfen mussten. In den nächsten Tagen werden die beiden Notfallseelsorger und ihre ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen immer mehr Todesnachrichten überbringen, je mehr die Fluten zurückgehen und Leichen aus Kellern und Autos geborgen werden. Und sie sind immer auch für die Einsatzkräfte da, die die entsetzlichen Bilder der Katastrophe verkraften müssen.

Immer den Menschen zugewandt

Roebke ist evangelischer Pfarrer und koordiniert die Notfallseelsorge in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis. Der Redemptorist Limberger ist heute sein katholischer Partner. Notfallseelsorge geschieht ökumenisch, gar keine Frage. Zu zweit gehen sie in die Gespräche, zu zweit werten sie nachher die Situation aus, hoch professionell, gründlich ausgebildet und den Menschen zugewandt. Und sie sind noch da, wenn Polizei und Feuerwehr wieder abrücken.

Wir hatten uns an der Bonner Feuerwache am Lievelingsweg getroffen. Die Feuerwehr stellt den beiden ein Auto samt Fahrer. Notfallseelsorge ist in das Zusammenspiel der Hilfsorganisationen eingebunden. Man kennt sich. Die Autobahn Richtung Euskirchen gibt es streckenweise nicht mehr, die Straßendecke ist unterspült. Wir müssen den Weg über Landstraßen suchen.

Hoch angesehen und fest ins Rettungssystem einbezogen

Im Zentrum des Roten Kreuzes kommen alle zusammen, aus Polizei, Feuerwehr, Rotem Kreuz und DLRG, der auf Wasserrettung spezialisierten Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Sie ruhen sich aus, essen und, vor allem, sie reden. Von Leichenfunden, von Anblicken wie im Krieg, von Omas, die ihren Hund mitnehmen wollen und der so verständlichen Anweisung, alle Plätze für Menschen zu nutzen.

Die Leute, in der Mehrzahl Helferinnen, sind nicht verschont geblieben. Maren übernachtet hier, zuhause hat sie keinen Strom und keine Verbindung mehr, weder Telefon noch WLan. Bei Layla, der einzigen mit Kopftuch, ist der Keller überflutet. „Mein Auto ist ein Totalschaden“, berichtet Klaus, „aber mir geht es gut“.

Schlimme Bilder haften im Kopf

Und es liegt so etwas wie Erleichterung im Raum, seit die Seelsorger da sind. Früher galten Männer als Weicheier, wenn sie sprechen wollten. Aber das ist lange vorbei. Notfallseelsorger sind hoch angesehen und fest ins Rettungssystem einbezogen.

Gebietsleiter Martin hat bei der Begrüßung hingehört. Ich wurde als Journalist und Pastor vorgestellt. „Du bist doch Theologe“, sagt er in einem stillen Moment, „kannst Du mal mit der Frau mit dem Basecap sprechen? Die hat schlimme Bilder gesehen. Und wir haben Angst, dass sie das überspielt, so aufgekratzt wie sie jetzt ist.“ Ich verweise auf die beiden, denn ich bin für solche Gespräche nicht ausgebildet.

Notfallseelsorge ist aufreibend und erfüllend

Bald kommen Roebke und Limberger wieder in den Raum. Und werden umringt. Sie machen weitere Termine für die nächsten Tage. So wird es weitergehen. Die beiden ziehen sich kurz zum Nachgespräch zurück. Selbstschutz ist das oberste Gebot, wenn man anderen helfen will, sagt eine Erfahrung in Katastrophen. Sie gilt auch für Seelsorger.

In ein paar Wochen werden sie auch wieder darangehen, um neue Ehrenamtliche für ihren Dienst zu werben. Sie können jede und jeden gebrauchen. Man muss zu seinen jeweiligen Zeiten ständig erreichbar sein und sich auf unerwartbare Situationen einlassen können. Notfallseelsorge ist aufreibend und erfüllend.

Kirche gefragt – mitten in der Gesellschaft

Gerade haben die Kirchen Austrittszahlen veröffentlicht. In Kommentaren ist vom Relevanzverlust der Kirchen die Rede. „Den sehe ich nicht, wenn sich die Kirche mitten in die Gesellschaft begibt“, sagt Albi Roebke, „da sind wir gefragt.“ Beim Abschied nehmen Limberger und er, coronagerecht, viele Faust- und Ellbogengrüße entgegen. Und alle Kommandeure sagen, als hätten sie sich verabredet: „Wenn ihr etwas braucht, sagt Bescheid.“

Der Feuerwehrkollege bringt uns im Passat zur Wache an den Lievelingsweg zurück. Roebke schließt sein Handy an die Powerbank an, beantwortet die aufgelaufenen Anrufe und dirigiert die Ehrenamtlichen zu ihren Einsätzen.

Ein Beitrag von Wolfgang Thielmann, Pfarrer und freier Journalist, Autor mehrerer Bücher, er schreibt u. a. für DIE ZEIT. In der aktuellen Ausgabe ist Thielmanns Reportage „Jetzt kommen die Helfer der Kirche“  zu lesen. Er schreibt dort: Wenn die Flut durch ist, steigt die Verzweiflung: Notfallseelsorger begleiten Überlebende zurück in ihre Dörfer und sorgen dafür, dass Feuerwehrleute einsatzfähig bleiben.

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zur Notfallseelsorge Bonn / Rhein-Sieg

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