Karte des Kirchenkreises An Sieg und Rhein, markiert sind die Gemeinden mit BK-Pfarrern
Karte des Kirchenkreises An Sieg und Rhein, markiert sind die Gemeinden mit BK-Pfarrern Karte: ekasur.de

Kirchenkampf an Sieg und Rhein – Porträts von BK-Pfarrern

von Anna Neumann

18.06.2020

Es gab an Sieg und Rhein zahlreiche Pfarrer, die in der NS-Zeit für Glauben und Bekennen ständig Denunziationen, Verhöre und erhebliche Nachtteile erlitten. Eine Serie von Dr. Holger Weitenhagen


Einführung: Mut, Durchhaltevermögen, Bekenntnistreue und auch Klugheit

Wer sich über den Kirchenkampf in der rheinischen Landeskirche informieren will, stößt fast immer auf dieselben großen Namen wie Heinrich Held, Joachim Beckmann, Paul Humburg und einige andere. Dies ist erklärlich, denn viele von ihnen haben nach dem Krieg auch Leitungsfunktionen in der jungen Evangelischen Kirche im Rheinland übernommen. Doch seitdem ist die sogenannte Regionalgeschichte ein ständig wachsender Forschungszweig, weil sich im großen Rahmen eben längst nicht alles erklären und darstellen lässt. Hier sind die katholischen und die „profanen“ Historiker uns Protestanten methodisch ein gutes Stück voraus (s. z.B. www.rheinische-geschichte.lvr.de/Projekte/Widerstand-im-Rheinland-1933-1945/Widerstandskarte).

Umso wichtiger ist es für uns Kinder des 21. Jahrhunderts zu wissen, dass es auch im Gebiet des heutigen Kirchenkreises An Sieg und Rhein nicht weniger als neun Kirchengemeinden gab, deren Pfarrer sich im Widerstand der Bekennenden Kirche (BK) bewährten. Die Leistung dieser Bekenntnistheologen ist keineswegs geringer zu schätzen als jene der „großen“ Namen; von Gestapo-Verhören über ständige Repressionen seitens des Düsseldorfer Konsistoriums bis zum Tod als eingezogener Soldat im Krieg erlitten sie ein vergleichbares Schicksal.

Es ist angemessen und historisch gerechtfertigt, auch ihre Namen wieder ins Bewusstsein zu rufen. In dieser Serie werden nach einer Einführung in die Kirchenkampfgeschichte zunächst zehn unter ihnen – von Friedrich Blindow, Leuscheid, bis Friedrich Stasch, Niederdollendorf – einzeln vorgestellt werden, zum Teil auch durch die eigene Kirchengemeinde. Die Einleitungen und Porträts bleiben im Archiv der Homepage abrufbar.

Wir wollen hier nicht an den Ikonenbildern der BK weitermalen, sondern zeigen, wie viel diese „normalen“ Gemeindepfarrer – und Superintendenten – durch Mut, Durchhaltevermögen, Bekenntnistreue und auch Klugheit zum letztendlichen Erfolg der BK im Kirchenkampf beigetragen haben und welche Opfer sie dafür zu bringen bereit waren.

Der „Kirchenkampf“ in unserer Region und seine Besonderheiten

Paul Humburg aus Barmen, er war Präses der Rheinischen Bekenntnissynode
Präses der Rheinischen Bekenntnissynode Paul Humburg, Barmen (1878-1945)

Die Kirchenkampf-Literatur unserer Landeskirche, die von der Nachkriegszeit geprägt wurde, kann den Eindruck vermitteln, es habe (fast) nur die „Bekennende Kirche“ (BK) auf der einen Seite und die regimetreuen „Deutschen Christen“ (DC) auf der anderen Seite gegeben. Dafür stehen dann gerne die beiden Symbolfiguren: Präses Paul Humburg, Barmen, für die BK und der „Köln-Aachener Bischof“ Dr. phil. Heinrich Oberheid – Pfarrer in Asbach-Kircheib, zugleich SA-Sturmführer – für die extremen DC der Nationalkirche.

Die geschichtliche Realität sieht jedoch – auch in unserer Region – anders aus. Zunächst einmal gab es in der Rheinprovinz nicht weniger als fünf kirchenpolitische Richtungen:

  1. die radikalen „Thüringer“ Nationalkirchler mit Oberheid-Asbach an der Spitze; die meisten verließen jedoch um 1937 das Rheinland meist in Richtung Eisenach – in Seelscheid war es z.B. Pfr. Heinrich Weinmann, der sich dort aber nur bis 1932 halten konnte.
  2. die „gewöhnlichen“ staatstreuen DC, Gewinner der Kirchenwahlen 1933 und dann am Ende des Jahres nach der „Sportpalastrede“ Dr. Reinhold Krauses innerkirchlich stark in Misskredit geraten; darunter waren besonders viele konservative Presbyter. Manchenorts wie in Ruppichteroth trat das Presbyterium samt Pfarrer Anfang 1933 ein und Ende 1933 gemeinsam wieder aus; andere Pfarrer erscheinen nur auf der Mitgliederliste, behielten aber eine „saubere“ Personalakte und bleiben darum hier ungenannt.
  3. die Pfarrer der „Mitte“, wie sie sich selbst, oder die „Neutralen“, wie andere sie abwertend nannten: Für sie war die ungetrübte Einheit der Gemeinde oberstes Ziel. Beispiele sind Hermann Rehmann in Ruppichteroth oder Karl Theiß in Troisdorf.
  4. die gemäßigten, kompromissbereiten BK-Vertreter, die aber im Verlauf der Vorkriegszeit stark an Einfluss verloren – eher im nördlichen Rheinland zu finden.
  5. die kämpferischen und risikobereiten BK-Theologen, die „Dahlemiten“, in unserem Raum bemerkenswert zahlreich vertreten – wie sie im Folgenden einzeln vorgestellt werden.

Nach Quellenlage verteilten sich die 800 rheinischen aktiven Pfarrer um 1936 etwa so: 40 „Thüringer“, 100 DC, 390 BK insgesamt, somit blieben etwa 270 der neutralen „Mitte“.

Noch ein Wort zum Begriff „Kirchenkampf“: Im protestantischen Bereich hat er eine zweifache Bedeutung. Einmal innerhalb der Kirche, wo sich BK auf Bekenntnisgrundlage und DC bis hin zum Einschalten von Justiz und Gestapo erbittert bekämpften. Zweitens bezeichnet die etwa ab 1935 rasch wachsende, aber zunächst noch verdeckte Absicht der NS-Führung, beide große Kirchen zurückzudrängen und nach dem „Endsieg“ vollständig auszuschalten.

Wichtig für uns ist: Es gab nicht nur die namhaften Helden der BK wie in Barmen, sondern gerade auch hier zahlreiche Pfarrer, die für ihr Glauben und Bekennen ständig Gefahren, Denunziationen, Verhöre und erhebliche Nachteile in Kauf nehmen mussten – und es freiwillig taten.

Wilhelm Langrehr
Wilhelm Langrehr

Pfarrer Wilhelm Langrehr, Seelscheid

Von allen Pfarrern der Bekennenden Kirche (BK) an Sieg und Rhein hatte Friedrich Wilhelm Langrehr, Sohn des Pfarrers Johann Wilhelm Langrehr in Hagen, fraglos das schwerste Schicksal. Mit ihm soll daher diese kleine Portraitreihe begonnen werden.

Schon seine Dienstübernahme 1932 in der seit 1581 bestehenden Landgemeinde Seelscheid vom Deutschen Christen (DC) und radikalen Thüringer Nationalkirchler Heinrich Weinmann, Enkel des Generalsuperintendenten Valentin Umbeck, gestaltete sich schwierig. Zwar musste Weinmann nach nur sechs Jahren nach Koblenz-Pfaffendorf weiterziehen, auch weil seine Pfarrtätigkeit nicht nach dem Geschmack der Seelscheider Tradition war, gleichwohl hinterließ er viele einflussreiche Anhänger in der Gemeindeleitung. So kam es, dass der junge Langrehr sich bis 1945 mit einem zwölfköpfigen Presbyterium auseinandersetzen musste, das exakt zu je einem Drittel aus Anhängern der BK, aus ‚Neutralen‘ und aus DC bestand.

Langrehr wurde 1904 in Wermelskirchen geboren, studierte in Tübingen und Münster, war Vikar in Bethel und Hilfsprediger zuletzt in Buer-Hassel. Gewählt wurde er aus sieben Bewerbern unter Leitung des namhaften, BK-orientierten Bonner Superintendenten Ernst Rentrop. Persönlich war er eher nicht der wissenschaftliche Typ, dafür kirchenmusikalisch begabt sowie von Statur kräftig und belastbar – letzteres eindeutig ein Plus in jener Situation.

In seinem Einsatz für die Ziele der Bekennenden Kirche blieb er unbeirrbar und wagemutig, was zwei Beispiele gut belegen. Unter seiner Leitung erklärten Presbyterium und Größere Gemeindevertretung fast vollzählig am 3. Dezember 1933 ihren Austritt aus der Bewegung Deutsche Christen, ein inhaltlich bemerkenswertes Seelscheider Dokument, das wohl hart erstritten werden musste.

Und ab 1938 gehörte Langrehr zu jenen Pfarrern, die sich konsequent der Eidesleistung auf den Führer widersetzten. Bereits im Oktober 1939 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, kam im April 1943 nach Norwegen und fand noch im März 1945 den Soldatentod in Pommern. Im Fronturlaub leistete er soviel Pfarrdienst wie möglich und versuchte, das Presbyterium zusammenzuhalten. Erschwert wurde alles auch dadurch, dass die Seelscheider Gemeinde – anders als heute – noch eine der ärmsten der Rheinprovinz war und ein finanzielles Bittschreiben nach dem anderen an das Konsistorium senden musste.

Langrehr stand wegen seiner mutigen Predigten wiederholt vor Gericht, nahm nichts zurück, wich nie aus und dürfte vor lauter Arbeit, Auseinandersetzung und soldatischer Belastung nur selten das Glück erfüllter Pfarrtätigkeit erlebt haben. Er ist in der „Ehrentafel“ der Bekennenden Kirche an prominenter Stelle in der Synodalbruderschaft Bonn verzeichnet und verdient zweifellos auch heute – als eher namenloser Streiter der Bekennenden Kirche im Kirchenkampf unserer Region – einen besonderen Platz.

Beitrag: Holger Weitenhagen / Carsten Schleef

Barmer BK-Prüfungskommission, unter anderem mit Johannes Schlingensiepen (2. v. l. ) und Wilhelm Hartig (4. v. l. ).
Barmer BK-Prüfungskommission, unter anderem mit Johannes Schlingensiepen (2. v. l. ) und Wilhelm Hartig (4. v. l. ). Foto: Bildarchiv der EKiR

Pfarrer Wilhelm Hartig, Herchen

Unter den hier vorgestellten Theologen der Bekennenden Kirche (BK) im Gemeinde-Pfarrdienst war Dietrich Wilhelm Hartig in Herchen wohl besonders profiliert. Die „Ehrentafel“ der Bekennenden Kirche (BK) von Joachim Beckmann und Hans Prolingheuer führt ihn als einzigen Vertreter der Bonner Bruderschaft im Barmer Konvent auf.

Hartig selbst entstammte nicht wie oft üblich einer Pfarrerfamilie. Sein Vater war Schmied im kleinen Ruhrort Meiderich, das dürfte ihn geprägt haben. Geboren am 3. Februar 1877, studierte er Theologie in Erlangen, Halle und Bonn, begann 1902 sein Vikariat im erweckungsgeprägten Nümbrecht, danach Hilfsdienst in Friemersheim. Er diente als Synodalvikar in Engelskirchen und lernte auch bei der Inneren Mission in Godesberg – eine breite berufliche Basis. Nach einer ersten Pfarrstelle in Kirchherten von 1911 bis zum Weltkriegsende 1918 wurde er als Pfarrer in Herchen gewählt – diese Stelle hatte er bis zu seinem frühen, auch dem Einsatz für die BK geschuldeten Tod im Jahre 1938 inne.

Die evangelische Kirchengemeinde Herchen ist eine der sieben Gemeinden unseres heutigen Kirchenkreises An Sieg und Rhein, die schon im Reformationsjahrhundert protestantisch wurden und das auch blieben – wie das linksrheinische Kirchherten. In Herchen hatte Wilhelm Hartig 15 Jahre Zeit, seine Gemeinde zu prägen, bis er zum BK-Vertreter der ersten Stunde wurde: als Teilnehmer des ersten Konvents der Rheinischen Pfarrerbruderschaft im Oktober 1933 in Düsseldorf, einer von 30, mit Heinrich Held, Paul Humburg, Joachim Beckmann. Zugleich war er gewählter Vertrauensmann der Bonner Bruderschaft im Barmer Konvent.

Gleichwohl kann es im ländlich-konservativen Umfeld Herchens so einfach nicht gewesen sein: Er und sein treuer Kirchmeister Albrecht Land werden in der Gemeindechronik Herchens als Stützen und Zeugen der Gemeinde in einer Zeit bezeichnet, in der, wie es dort diplomatisch steht, viele Gemeindeglieder das wahre Wesen der Deutschen Christen (DC) zunächst nicht durchschauten: „Er ging als Warner durch die Gemeinde, die dann auch sehr bald erkannte, dass diese neue Glaubensbewegung gegen Schrift und Bekenntnis stand.“ Schon 1934 beschloss das Presbyterium einheitlich und förmlich, sich der BK im Rheinland anzuschließen – außer dem weiterhin DC-treuen Ortsteil Röcklingen. Das Konsistorium in Düsseldorf löste daraufhin wie üblich die Gemeindevertretung auf, doch Hartigs Presbyterium führte nun die Kollekte ebenso konsequent an die BK ab, und der Ort stand dazu.

Viele Vorträge und laut Konsistorium „illegale“ Informationsabende der BK fanden hier in Herchen statt. Doch das brachte Hartig auch besondere zusätzliche Belastungen im Lehramt und im stets geheim tagenden Prüfungsausschuss der BK in Unterbarmen – Johannes Schlingensiepen beschrieb anschaulich diese gefährlichen konspirativen Treffen (Gestapo-Überwachung!).

Nicht zuletzt dies schwächte den herzkranken 60-jährigen noch mehr; im März 1938 verstarb der Vater dreier Kinder nach einer solchen Prüfung im Krankenhaus Solingen an Herzmuskellähmung. Präses Paul Humburg und Heinrich Held waren in Herchen unter den Trauergästen.

Beitrag: Holger Weitenhagen / Ulrike Ritgen

Superintendent Ernst Rentrop
Superintendent Ernst Rentrop

Superintendent Pfarrer Ernst Rentrop, Königswinter

Peter Paul Heinrich Ernst Rentrop, Pfarrer in Königswinter von 1895 bis zu seinem Tod 1937, ist der älteste Bekenntnistheologe in unserem Kreis. Der 1868 geborene Kaufmannssohn aus Unna besuchte das Gymnasium in Barmen, leistete 1888/89 seinen Militärdienst in der kaiserlichen Armee ab, studierte Theologie in Bonn und Halle, war Vikar und Hilfsprediger beim Predigerseminar Soest und in Andernach, Deutz und schließlich Königswinter. Dort wählte ihn die Gemeinde zum Pfarrer, für 42 erfolgreiche Jahre. Mit der Heirat von Ida, einer dortigen Kommerzienratstochter, blieb Rentrop der kaufmännischen Welt verbunden – was sicher nicht schadete.

Königswinter war 1848 zusammen mit Honnef zur Filialgemeinde Oberkassels geworden; der Zuzug von preußischen Beamten und Pensionären brachte 1895 beiden die Selbständigkeit, und Rentrop wurde der erste Königswinterer Pfarrherr. Er bereitete die neue Struktur vor und brachte Kirchengestaltung, Öffentlichkeitsarbeit und den inneren Aufbau der Gemeinde im Siebengebirge mit großer Tatkraft voran.

1922 wurde er zum Superintendenten des großen Bonner Kirchenkreises gewählt. Seine Haltung gegen die NS-hörigen Deutschen Christen (DC) war von Anbeginn an klar und kompromisslos. Peter Hintze, der bekannte Königswinterer Pfarrer und spätere Bundestagsabgeordnete, vermerkte: „Nicht stolz, aber voller Dankbarkeit, darf der Chronist heute feststellen, dass die Evangelische Gemeinde Königswinter von den Wirren, die damals große Teile unserer Kirche erfasste, weitgehend verschont blieb. [Auch nach 1933] widerstand das Presbyterium dem staatlichen Druck und unterstützte seine Pfarrer im treuen Festhalten am Bekenntnis zu unserem alleinigen Herrn und Heiland Jesus Christus.“ (Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Königswinter, 1983).

Ernst Rentrop handelte ebenso geschickt wie hartnäckig; sein Bild vermag es auszudrücken. Innerhalb seiner Kirchengemeinde setzte er die Ziele der Bekennenden Kirche (BK) konsequent um, als Superintendent im kirchenpolitisch schwierigen Bonner Kirchenkreis verhielt er sich taktisch klug. Noch in seinem Jahresbericht Mai 1933 gab er keinerlei Anlass, an der protestantischen Staatstreue zu zweifeln und übte trotz seiner klaren BK-Position eine nach allen Seiten gerechte Leitung aus. Als er aber gemeinsam mit zwölf anderen BK-Superintendenten im August 1934 wegen seines Widerstandes gegen eine DC-Kirchenordnung des „Propstes“ Dr. Forsthoff vom Konsistorium suspendiert wurde, führte er völlig unbeirrt seine Bonner Amtsgeschäfte weiter – bis diese Maßnahme im November 1934 kleinlaut wieder rückgängig gemacht wurde.

Wie sein späterer Amtskollege Edgar Boué setzte er sich unermüdlich schützend für die Hilfsprediger und Pfarrer der BK ein. Und nicht zuletzt hat er sich auch damals schon für Ökumene starkgemacht und mit einem der Dechanten den renommierten Siebengebirgs-Heimatverein gegründet.

Die Literatur über Ernst Rentrop ist reich; lesenswert auch sein Kurzportrait durch den Bonner Alt-Superintendenten Rolf Schleßmann (Protestantische Profile im Ruhrgebiet, Spenner 2009).

Beitrag: Holger Weitenhagen / Annette Hirzel

Julius Kauert
Julius Kauert

Pfarrer Julius Wilhelm Kauert, Wahlscheid

1909 wurde Julius Wilhelm Kauert in der bereits 1557 evangelisch gewordenen Gemeinde Wahlscheid Pfarrer. Ob er damals wohl geahnt hat, dass die Menschen dieser Gemeinde dem neuen Geist der NSDAP einmal zusprechen würden wie in keiner anderen Gemeinde im alten Siegkreis sonst? Ergebnis Kommunalwahl 12. März 1933: 10 von 12 Sitzen gehen im Wahlscheider Gemeinderat an die NSDAP. Damit waren die Machtverhältnisse in Wahlscheid mehr als klar.

Auch wenn sich Pfarrer Kauert der Bekennenden Kirche (BK) zugehörig erklärte, blieben größere Kirchenkämpfe aus. Einschüchterung und Propaganda wirkten. Massive Kirchenaustritte und leere Gottesdienstbänke sprachen eine deutliche Sprache. Das kleine übrig gebliebene aufrechte Häuflein um den trutzigen Pfarrer „ohne Land“ waren für den neuen Geist samt seiner 56 Wahlscheider „Deutschen Christen“ (DC) kein wirkliches Problem.

Dennoch konnten die Mächtigen die Gesinnung des Ohnmächtigen nicht hinnehmen. Es gab ungebetene Gäste im Pastorat, einige Heizsporne zeigten ihm die Faust, Parteiveranstaltungen wurden zur Gottesdienstzeit und nahe der Kirche abgehalten, seine Post wurde auf verbotene Schriften der BK durchsucht und im November 1937 gar die die alte Bartholomäuskirche wegen angeblicher Baufälligkeit geschlossen – dazu auch gleich die nebenstehende Evangelische Schule.

Aber Pfarrer Kauert ließ sich nicht einschüchtern. In seinen Predigten nach der Schließung nahm er weiterhin in den Gottesdiensten im Restaurant Dowideit neben der Kirche trotz so mancher Mitschriften von Spitzeln kein Blatt vor dem Mund.

Laut Verordnung vom 20. April 1938 hatten Geistliche und Kirchenbeamte den Treueid auf Adolf Hitler zu leisten. Pfarrer Kauert rührte sich nicht und wurde im August 1939 schriftlich angemahnt. Mit einer geschickt wirksamen Verzögerungstaktik und diversen gesundheitlichen Begründungen leistete er diesen Eid trotz weiterer Aufforderungen erst am 30. August 1944 beim Superintendenten in Bonn und nicht – wie eigentlich gefordert – in Düsseldorf.

Wer war dieser Julius Wilhelm Kauert?  Er wurde geboren am 7. Mai 1879 in Reuschenbach bei Drabenderhöhe.  Sein Vikariat absolvierte er in Kreuznach und Ratingen. Seine erste Pfarrstelle bekam er von 1907 bis 1909 in Simmern. Mit 30 Jahren übernahm er 1909 für sage und schreibe 40 Jahre bis 1949 die Pfarrstelle in Wahlscheid. Bis zu seinem Lebendsende am 3. Februar 1959 in Jenneken bei Bielstein blieb er Junggeselle. Seine Schwester stand ihm in besonderer Weise zur Seite, kam aber bei einem tragischen Unfall mit einer Eisenbahn ums Leben.

Der Tod der Schwester 1937, die Bedrängnisse der NSDAP, mangelnder Rückhalt aus der Gemeinde setzten Pfarrer Kauert sehr zu. 1939 wurde eine schwere Herzmuskelerkrankung im Krankenhaus Köln-Kalk diagnostiziert. Er fiel nach langer Krankheit immer wieder aus.

Pfarrer Kauert war gesundheitsbedingt ein eher stiller Widerstand Leistender, aber ein treuer und hoch aufrechter Arbeiter im Weinberg des Herrn. Ob ich in seiner Situation im damals tiefbraunen Wahlscheid seinen Mut aufgebracht hätte, weiß ich nicht. Am Kirchturm nicht die Hakenkreuzfahne aufhängen zu lassen, dafür im April 1945 aber eigenhändig eine weiße Fahne zu hissen, das muss ein Mensch bei all den damaligen Irrungen und Wirrungen der letzten Kriegstage erst einmal bringen.

Beitrag: Reinhard Bartha

Pfarrer Edgar Boué
Pfarrer Edgar Boué Foto: LK-Bildarchiv

Pfarrer Edgar Boué, Oberkassel

Im Kreis von Theologen der Bekennenden Kirche (BK) war es dem Pfarrer – später Superintendent und Oberkirchenrat – Hugo Cäsar Edgar Boué aus Oberkassel wie wenigen anderen gegeben, seinen Weg geradlinig und unbeirrt zu gehen. Dazu trug auch seine bekenntnisfeste, bereits 1550 reformiert begründete Gemeinde Oberkassel bei, die ihm da verlässlichen Rückhalt bot.

Aber auch seine eigene starke Persönlichkeit war entscheidend. Edgar Boué wurde 1898 in Levuka / Fidschi-Inseln als Sohn des Kaufmanns Ami Boué geboren, legte das Abitur am Johanneum Hamburg ab und musste noch 1918 Soldat werden.

Nach dem Theologiestudium in Bethel, Tübingen und Berlin ging er als Vikar nach Gummersbach, blieb Kreissekretär der Christlichen Studentenvereinigung im Adolf-Schlatter-Haus Tübingen (1938 von den NS verboten) und trat 1928 seine erste Pfarrstelle in Lüdenscheid an; zeitgleich heiratete der Kaufmannssohn eine Kaufmannstochter, Elisabeth Buddeberg.

1933 wählte ihn die Gemeinde Oberkassel zum Nachfolger Ludwig Frommes (43 Jahre dort Pfarrer), Superintendent Ernst Rentrop aus Königswinter führte ihn ein. Später, 1946, wählte ihn sein Kirchenkreis Bonn zum Superintendenten, doch bereits 1949 ging er bis zu seiner Emeritierung 1960 als Oberkirchenrat und Mitglied der Kirchenleitung nach Düsseldorf. 1974 verstarb er in Ratingen.

Seine Aktivitäten für die BK würden Seiten füllen. Hier nur im Telegrammstil: Bereits im Oktober 1933 trat er dem Pfarrernotbund Martin Niemöllers bei und war treibende Kraft bei der Gründung der Bonner Pfarrbruderschaft. Mit den Pfarrern Johannes Josten und Wilhelm Hartig aus dem heutigen Kirchenkreis verfasste er das Presse-Bekenntnis der Bonner BK gegen die sog. „Sportpalastrede“ im November 1933: „Wir verkündigen das reine, unverfälschte Evangelium“.

1935 wurde er „Kassenwart“ der BK-Synode Bonn – angesichts der „Illegalität“ der BK-Spenden eine gefährliche Aufgabe. Vor allem aber war er im Kirchenkreis die treibende Kraft bei den oft hochrangigen und verbotenen Vortragsabenden der BK. Er organisierte den Rüstdienst der BK im Kirchenkreis Bonn und verantwortete übergemeindlich die Freizeiten und Gemeinderüstwochen. Dann leitete er ab 1937 auch den Bonner Hilfsprediger- und Kandidatenkonvent mit eigenem Lehrvikar und noch ab 1940 die Bibelwochen der Bonner BK, mit ihm die Pfarrer Johannes Josten, Alwin Ahlbory und Hermann Röhrig. Natürlich führte Boué auch 1938 standhaft die Gruppe der Eidesverweiger (auf den Führer) mit Josten, Röhrig, Friedrich Blindow und Hermann Langrehr an.

Wenn ihn Annette Hinz-Wessels, die gründlichste Chronistin des Bonner Kirchenkampfs, als recht besitzergreifend porträtiert, klingt das glaubhaft. Mit den leitenden Bonner Pfarrern und sogar Ernst Rentrop legte er sich häufiger an – ihm sei die „Bonner Pfarrbruderschaft zu nachgiebig“. Grund war die kaum zu umgehende Aufnahme von Vikaren auch vom Konsistorium.

Seinen Ruf als „radikaler BK-Anhänger“ festigte er nach Kriegsende, als er mit Kollegen der ehemals neutralen „Mitte“ nicht zu kooperieren gedachte und dabei auch zögerlichen Nachwuchs wie Pfarrer Werner Deggeller, Siegburg, eliminierte. BK-Hardliner blieb der Oberkasseler Boué auch in der Kirchenleitung unter Heinrich Held und Joachim Beckmann – insgesamt fraglos einer der konsequentesten, mutigsten und tatkräftigsten Theologen der BK in der rheinischen Kirchenprovinz überhaupt – eine ganz besondere Persönlichkeit.

Beitrag: Holger Weitenhagen, mit Dank an Pfarrerin Dr. Anne Kathrin Quaas, Evangelische Kirchengemeinde Oberkassel

Annette Hinz-Wessels, Die Evangelische Kirchengemeinde Bonn in der Zeit des Nationalsozialismus, Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 119, Rheinland-Verlag Köln, 1996

Lotte (vorn links) und Johannes (vorn 2. von rechts) Josten
Lotte (vorn links) und Johannes (vorn 2. von rechts) Josten Foto: LKA-Bildarchiv

Pfarrer Johannes Josten, Honnef

Der Name des Pfarrers Johannes Josten begegnet einem häufiger in Gemeinschaft mit anderen herausragenden Vertretern der Bekennenden Kirche (BK) im Bereich des heutigen Kirchenkreises. Mit Edgar Boué aus Oberkassel beispielsweise verfasste er schon im November 1933 das öffentliche Bekenntnis der Bonner BK: „Wir verkündigen das reine, unverfälschte Evangelium!“, verweigerte 1938 mutig den Amtseid auf den Führer und gestaltete noch 1940 die gemeinsamen Bekenntnis-Bibelwochen. Zugleich lagen die Schwerpunkte Jostens wohl weniger in der Kirchenpolitik als auf der praktischen Arbeit mit den Menschen.

Geboren wurde Johannes Friedrich Josten als Pfarrersohn am 3. April 1883 in Reusrath bei Opladen. Er besuchte das Gymnasium in Kreuznach und studierte Theologie in Erlangen, Halle, Bonn und Utrecht. Nach kurzem Militärdienst absolvierte er das Vikariat am Lehrerseminar Mettmann, dann in Köln und London. Es folgten der Hilfsdienst in Sao Paulo, 1910 die Ordination in Kreuznach und dann Pfarrstellen in Santos (Brasilien), Kreuznach, Müsen/Westfalen und schon 1917 in Witten die erste Direktorenstelle des Evangelischen Preßverbandes Westfalen.

Nach dieser an Erfahrungen überaus reichen Lebensphase wurde er 1922 in Honnef – „Bad“ erst 1960 – zum Nachfolger des beliebten, früh verstorbenen Pfarrers Arthur Werther gewählt, wo er bis zu seiner Emeritierung 1949 – und darüber hinaus – seinen Dienst tat.

1912 hatte er in Mettmann die Arzttochter Charlotte Nourney geheiratet, damals Leiterin des sog. „Krüppelheims“ Arnheim, die ihn in allen Belangen unterstützte und gemeinsam mit ihm noch bis 1954 den Rheinischen Pfarrfrauendienst leitete. Als dessen Geburtsstunde gilt der 10. Juli 1935, als das Ehepaar Josten vom Rheinischen Bruderrat den Auftrag erhielt, sich der Pfarrfrauen im Bereich der BK seelsorglich anzunehmen. So übertrug auch die neue Kirchenleitung 1947 Lotte und Hans Josten den Pfarrfrauendienst der gesamten Provinz.

1964 starb Josten in Bad Honnef und hinterließ dabei eine umfangreiche Liste von Veröffentlichungen. Sein Pfarrerleben war noch dazu geprägt von Vortrags- und Kollektenreisen nach Südamerika, der Arbeit an der Zeitschrift „Die evangelische Pfarrfrau“, der Erhaltung des Vereins „Alterswohl“ und der Gründung zweier Altersheime 1935 – eine reiche Bilanz, die in der Chronik der Bad Honnefer Gemeinde von 2000 umfassender dargestellt wird.

Zu all dem aber gehörte Josten ohne jede Frage zum „Urgestein“ der rheinischen BK, dies bereits seit 1933, beharrlich und mutig (Eidesverweigerung!), stets loyal gegenüber Wortführer Boué und standfest in den unausweichlichen örtlichen NS-Verhören und Verfahrenseinleitungen. Besonders beim Amtsenthebungsverfahren 1934 gegen den Bonner BK-Superintendenten Ernst Rentrop (s. Beitrag vom 14.02.20) war Josten ganz vorne unter dessen offenen Unterstützern zu finden.

Diese Haltung lebte er konsequent und beständig seiner Gemeinde vor und bewahrte sie damit vor den anderswo häufigen Verwerfungen und Auseinandersetzungen. Die „Ehrentafel“ der BK (Joachim Beckmann 1981) führt Johannes Josten an vorderer Stelle auf, und nur wenige Pfarrer der BK dürften im Gedächtnis ihrer Heimatgemeinde so unumstritten sein wie er – und seine Ehefrau Lotte.

Beitrag: Holger Weitenhagen – mit Dank an Pfarrerin Britta Beuscher, Evangelische Kirchengemeinde Bad Honnef

Pfarrer Friedrich Blindow
Pfarrer Friedrich Blindow

Pfarrer Friedrich Blindow, Leuscheid

Die evangelische Kirchengemeinde Leuscheid benannte 1962 ihr neues Gemeindehaus nach Pfr. Friedrich Blindow und begründete diesen besonderen Akt: „Im getreuen Gedenken an den Pastor, der in den schweren Jahren des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges im Leuscheider Land die Frohe Botschaft – also das Evangelium – bezeugte und mit den Angehörigen litt und weinte, wenn wieder einmal die traurige Kunde eintraf, dass ein Leuscheider an der Front in dem von Adolf Hitler begonnenen Krieg gefallen war. Allzufrüh für die Gemeinde und seine Familie starb er 1943 an Herzversagen. … Er hat als Mitglied der Bekennenden Kirche im Kirchenkampf ein gutes Zeugnis abgelegt vor vielen Zeugen.“

Da war der Verstorbene erst 42 Lebensjahre alt, und nicht zuletzt sein konsequentes Eintreten für den Kampf der Bekennenden Kirche (BK) trug Mitschuld daran. Geboren war Karl Hermann Friedrich Blindow im fernen Görlitz als standfester Oberlausitzer, einer Pfarrerdynastie entstammend. Auch er blieb dieser Berufung treu, studierte Theologie in Halle, Bonn und Münster, war Vikar in Gelsenkirchen und leistete Hilfsdienst in Aplerbeck, Eiringhausen, Schwelm und Essen-Altstadt, bis er 1928 nach der Ordination seinen Pfarrdienst in Leuscheid antrat. So zahlreiche Vorverwendungen waren damals eher die Regel und sicher nicht schädlich. Ebenfalls 1928 heiratete Friedrich noch in Essen Gertrud, geb. Wilke, die ihm in der Gemeindearbeit und auch der BK-Gemeinschaft immer aktiv zur Seite stand.

Leuscheid war seit je eine geschichtlich bemerkenswerte Gemeinde, eine der ältesten aus der Reformationszeit um 1564, gehörte erst zu Sayn-Hachenburg und später im Herzogtum Berg zur lutherischen Windecker Klasse der oberbergischen Inspektion; es blieb gleichwohl stets „oberbergisch“ gesinnt. Blindow selbst war von Anbeginn an in der Synodalbruderschaft Bonn der BK verzeichnet und vertrat eindeutig deren Position; auch gehörte er zu den neun mutigen Verweigerern der Eidesleistung auf den Führer. So sperrte ihm, vor allem wegen seiner konsequenten Abführung der Kollekten an die BK, das Düsseldorfer Konsistorium alle Zuschüsse zum Pfarrgehalt. Für die kam dann wieder seine Leuscheider Kirchengemeinde auf – in überlebenswichtigen Naturalien.

An Blindows bodenständiger Bekenntnistreue konnte es, auch wenn seine leiblichen Brüder als Pfarrer andere Richtungen vertraten, nie Zweifel geben. „Jetzt, wo so viel gegen die Geistlichen gehetzt wird […] ist es in heutiger Zeit eine Freude, Pfarrer zu sein. Wer jetzt Christ sein will, muss offen bekennen, und das tut nur gut“, schrieb er im Januar 1934. Dabei sympathisierte die Leuscheider Gemeinde wie viele bis Ende 1933 noch durchaus mit den NS. Die geheimen Treffen der Bonner BK im Leuscheider Pfarrhaus jedoch über all die Folgejahre, Predigtmitschriften durch Gestapobeamte und Verwarnungen wegen verbotener BK-Kanzelabkündigungen belasteten Blindow fraglos auch physisch so sehr, dass ihn am 2. September 1943 der Gehirnschlag mitten im Dienst ereilte. Unter seiner Leitung hatte sich bereits im November 1934 das Presbyterium Leuscheid einmütig von der Deutsch-christlichen Kirchenbehörde losgesagt und sich 1935 dem BK-Notrecht der Dahlemer Synode unterstellt – trotz der dörflichen Armut: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“!

Zu seinem Nachfolger holte sich Leuscheid gegen alle Widerstände „von oben“ den BK-Hilfsprediger Wilhelm Carius aus Remscheid, der hier in Blindows Sinne standhaft blieb und als Pfarrer bis 1950 Dienst tat.

Beitrag: Holger Weitenhagen – mit Dank an Presbyterin Iris Prinz-Klein für ihre Unterstützung

Helmut Hesse
Helmut Hesse Foto: Kirchenkreis Wuppertal
Hermann Lührmann
Hermann Lührmann Foto: LKA-Bildarchiv

Vikare Helmut Hesse, Honnef, und Hermann Lührmann, Troisdorf

Helmut Hesse

Helmut Johannes Hesse, 1940 Vikar in Honnef, der Sohn des BK-Urgesteins Hermann Albert Hesse (1877-1957); letzterer war von 1929 bis 1950 Direktor des Predigerseminars Elberfeld und von 1934 bis 1946 Moderator des Reformierten Bundes. Helmut selbst kam 1916 in Barmen zur Welt und starb 1943 im KZ Dachau, nur 27 Jahre alt.

Der Kirchenkampfchronist Prof. Günther van Norden charakterisierte ihn so: „Ein Bekenntnispfarrer, den die Bekennende Kirche nicht ertrug.“ Helmut Hesse hatte in der Tat zwei Profile.

Einerseits gehörte er zu den wenigen BK-Theologen, die furchtlos und klar gegen die Verfolgung der Juden im Dritten Reich Stellung bezogen. Angesichts der NS-Rassegesetze 1935 trat er nicht nur aus der SA aus – in die er 1934 eingetreten war, um der HJ zu entgehen –, er setzte sich auch fortan von der Kanzel aus für die verfolgten Nichtarier ein. 1941 verglich er als Prediger den NS-Staat öffentlich mit Ninive; er war „Zeuge für Israel wie kaum ein anderer“ (v. Norden).

Auf der anderen Seite bekämpfte er innerhalb der BK Barmens jede von ihm so empfundene „Mäßigung“ derart kompromisslos, dass er ab 1941 nur noch bei seinem Vater Dienst tun konnte. Von diesem wurde er auch geprüft (2. Examen) und ordiniert – beides von der BK-Leitung nicht mehr anerkannt. Ihr hatte Hesse öffentlich „Irrwege und Unglauben“ vorgeworfen, weil sie zugunsten der Vikare überhaupt mit dem Konsistorium verhandelte.

Somit gleichsam ‚vogelfrei‘, wurde er mit seinem Vater im Juni 1943 verhaftet, verhört und ins KZ Dachau verbracht, wo er am 14. November verstarb. Grund dafür war auch der Entzug von Medikamenten gegen seinen erst kurz behandelten Hypophysentumor.

Über sein Vikariat in Honnef 1940 ist leider wenig erhalten. Dort befand er sich unter den schützenden Händen von BK-Pfarrer Edgar Boué in Königswinter, dem er persönlich anvertraut war, und von BK-Pfarrer Johannes Josten, seinem Mentor in Honnef. Diese beiden starken Persönlichkeiten haben offensichtlich sein Temperament gut im Griff behalten und ihn vor Ort ausgebildet – zum allseitigen Nutzen.

Hermann Lührmann

Der andere Vikar ist Hermann Johannes Lührmann, von November 1933 bis Juli 1934 in Troisdorf eingesetzt. Geboren war der Lehrersohn am 19. Juni 1909 in Mülheim-Broich; er besuchte das Gymnasium in Duisburg-Ruhrort und von 1928 bis 31 die Universitäten Bethel, Tübingen, Erlangen und Bonn. Sein 1. Theol. Examen legte er noch vor dem Koblenzer Konsistorium ab, das 2. dagegen 1936 bei der BK in Barmen.

Nachdem ihn das Konsistorium auf Grund seiner klaren BK-Haltung in Troisdorf im August 1934 aus dem Dienst entlassen hatte, wanderte er über das Elberfelder Predigerseminar durch Dienste in Bonn, Wülfrath, Wanheim-Angerhausen, Neukirchen-Vluyn und Mettmann, bis er 1940 Soldat werden musste, da alle Zehen verlor und 1942 einen Beschäftigungsauftrag in Wald erhielt. 1947 endlich wurde er Pfarrer in Kröffelbach bei Braunfels, wo er im Jahr seiner Emeritierung 1973 verstarb.

Sein Vikariat in Troisdorf leistete er bei Pfarrer Karl Theiß; es kann als Beleg dafür dienen, dass jener kein Sympathisant der Deutschen Christen war – wie ihm zuweilen vorgeworfen. Theiß, mit 36 Jahren Stehzeit auf der Pfarrstelle (bis 1948) ein Troisdorfer ‚Urgestein‘, hielt bei aller politischen Neutralität stets seine schützende Hand über den rebellischen Lührmann und beurteilte ihn sehr gut: „sorgfältig, gewissenhaft, fleißig“, wobei er selbst seine Troisdorfer Kirchengemeinde auf einem ungewöhnlich hohen Stand hielt.

Erst als das Konsistorium Lührmann wegen „Widersetzlichkeit gegen die Kirchenbehörde und deren Maßnahmen“ aus dem Dienst der Rheinischen Kirche warf, waren die Möglichkeiten von Theiß erschöpft.

Mag Hermann Lührmann auch stets als ein streitbarer und schwieriger Theologe gegolten haben – in der Ehrentafel der BK steht er in der damaligen Bonner Synode neben Edgar Boué, Wilhelm Hartig und Ernst Rentrop an vorderer Stelle.

Beitrag: Holger Weitenhagen

Pfarrer Alwin Ahlbory und Fritz Stasch

Alwin Ahlbory (l.) und Fritz Stasch
Alwin Ahlbory (l.) und Fritz Stasch Fotos: LK-Bildarchiv

In den letzten sechs Kurzportraits werden Pfarrer der Bekennenden Kirche (BK) skizziert, die nur eine begrenzte Zeit auf ihren Stellen im Gebiet des heutigen Kirchenkreises Dienst taten. Hier folgen zwei von ihnen, deren Leben besonders vom – unfreiwilligen – Kriegsdienst als Soldat geprägt wurde.

Alwin Lewin Wilhelm Ahlbory war nominell von 1938 bis 1950 gewählter Pfarrer in Herchen, Nachfolger des 1938 im Dienst der BK verstorbenen Pfarrer Wilhelm Hartig (siehe sein Porträt). Seine Amtsführung wurde jedoch bis 1947 durch den Kriegsdienst stark eingeschränkt.

Geboren am 8. März 1908 als Sohn eines Ingenieurs in Mülheim/Rhein, besuchte er das Gymnasium in Düsseldorf, studierte Theologie in Marburg, Berlin und Bonn, legte 1932 das 1. Theologische Examen noch beim Konsistorium in Koblenz ab, das 2. Examen 1934 bereits bei der BK in Barmen. Deswegen und wegen seiner Solidarisierung mit den „Jungen Brüdern“ der BK schloss ihn das Konsistorium – „Widersetzlichkeit gegen die Kirchenbehörde“ – von der weiteren Beschäftigung aus.

Es folgten BK-Ausbildungsdienste in Gummersbach, Elberfeld, an der Berufsschule Düsseldorf und Hilfsdienste in Güdingen, dann Herchen. 1938 wurde Ahlbory in Herchen zum Nachfolger Hartigs gewählt; da war er seit zwei Jahren mit Elisabeth Kuhn aus Herford verheiratet.

Die Quellen widersprechen sich zum tatsächlichen Antritt des Pfarrdienstes; die offizielle Amtseinführung erfolgte erst 1943. 1938 jedenfalls sperrte ihm als „Illegalem“ die Kirchenbehörde jegliche Zahlung, und 1940 stufte ihn die Gestapo als „politisch unzuverlässig“ ein.

Wie auch immer: Ahlbory wurde wie viele andere junge BK-Brüder zum Kriegsdienst eingezogen, zunächst als Marineartillerist auf Borkum, Sylt und Norderney, 1942 sogar als Offizieranwärter. Er erwarb sich das Kriegsverdienstkreuz I. und II. Klasse mit Schwertern, das heißt durch Kampfeinsätze – all dies auch von der BK-Führung erwünscht und begrüßt! Als nebenamtlicher Marineseelsorger geriet er in Kriegsgefangenschaft, dies noch bis 1947. Die neue Kirchenleitung bemühte sich lange um seine Freilassung.

Der enge Kontakt zum „Volk“ beim Militär war Ahlbory ein Herzensanliegen – so seine „Feldpost“. 1950 ging er von Herchen in die Lutherkirchengemeinde Düsseldorf und 1957 wurde er Militärdekan. 1959 starb er im Dienst. Die BK verzeichnet ihn wie Stasch an vorderer Stelle ihrer Mitgliedertafel.

Noch heftiger waren die Verhältnisse bei (Friedrich) Fritz Wilhelm Stasch, Vikar bei Superintendent Ernst Rentrop in Königswinter und im Hilfsdienst bei Pfarrer Edgar Boué, Oberkassel, 1933 bis 35. Auch ihn entließ in dieser Zeit das Konsistorium aus dem Dienstverhältnis wegen seiner Mitgliedschaft bei den „Jungen Theologen“ der BK.

Fritz Stasch war am 4. Januar 1909 als Sohn eines Fräsers in Essen geboren, hatte Theologie in Bonn, Tübingen und Marburg studiert, legte das 1. Theologische Examen 1933 in Koblenz und das 2. dann 1935 in Barmen (BK) ab.

Sein eigentlicher Leidensweg begann aber 1935 in der Gemeinde Marienberghausen, wo er erst 1938 gewählt und 1940 als Pfarrer bestätigt wurde. Seine dortigen Auseinandersetzungen mit dem Konsistorium füllen eine Akte; wobei wohl auch Gemeinde und Synode an der Agger lavierten, um einerseits seine Legalisierung zu erreichen, andererseits zur BK zu stehen.

Doch bereits 1939 wurde Stasch in den Kriegsdienst eingezogen, kämpfte im Partisanenkrieg auf dem Balkan, stieg zum Hauptmann auf und erhielt dabei schließlich das Eiserne Kreuz II. Klasse, das Infanteriesturmabzeichen (drei Sturmangriffe in vorderster Linie in Nahkampfsituation) sowie die Kroatische Große Silberne Tapferkeitsmedaille. Seine Feldpost zeichnet ihn als überzeugten BK-Anhänger wie gleichermaßen als einen harten Soldaten, der scharf das Attentat vom 20. Juli 1944 verurteilte. Ab Oktober 1944 galt er in den Kämpfen um Belgrad als vermisst; erst 1949 endete offiziell seine Pfarrdienst in Marienberghausen.

Auch diese beiden Schicksale – vermischt aus BK-Zugehörigkeit und Militärdienst – gehören zum Gesamtbild, das es zu bewahren gilt.

Literatur-Empfehlung:
Holger Weitenhagen, ‚Wie ein böser Traum …‘
Briefe rheinischer evangelischer Theologen im Zweiten Weltkrieg aus dem Feld,
Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengesichte 171, Bonn 2006

Fünf Theologen „außer der Reihe“

Erhard Schulz (l.) und Walter Schmidt engagierten sich in der Bekennenden Kirche.

Fünf weitere Theologen verdienen es, hier genannt zu werden. Zwar waren sie keine „regulären“ Gemeindepfarrer mit „BK-Profil“, sie sind aber (außer Hermann Röhrig) in den Mitgliederlisten der Bekennenden Kirche (BK) aus der Hand Joachim Beckmanns aufgeführt.

Einer von ihnen war der Siegburger Gefängnispfarrer Johann (Hans) Dietrich Hennicke, geboren 1884 in Bremen als Sohn eines Gymnasialprofessors, gestorben 1956 in Bonn. Von 1921 bis zu seiner Zurruhesetzung 1939 leistete der vorherige Wittlicher Pfarrer Dienst in der Justizvollzugsanstalt Siegburg und war seit Anbeginn Mitglied der BK. Allerdings wurden bis 1945 die Personalakten der hauptamtlichen Gefängnispfarrer bei den Justizbehörden geführt; danach fanden sie zumeist „nicht mehr den Weg zurück in die Kirchenarchive“ (offizielle Aussage). Somit ist an dieser Stelle Hennickes Siegburger Zeit nicht mehr verlässlich zu recherchieren.

Heinrich Schmidt leistete von 1933 bis 1935 seinen Dienst als Hilfsprediger in Herchen bei BK-Pfarrer Wilhelm Hartig. 1908 in Löhnberg als Sohn eines Post-Assessors geboren, legte er sein 2. Theologisches Examen 1936 bereits bei der BK in Barmen ab und durchlief danach Hilfspredigerstellen in Essen, Cronenberg, Saarbrücken, Herchen und Köln-Lindenthal. 1937 geriet er wegen seiner BK-treuen Haltung in Gestapo-Haft. Nach Kriegsteilnahme und -gefangenschaft wurde er schließlich 1948 erst in Duisburg, dann in Dinslaken Pfarrer und zum Schluss Berufsschulpfarrer in Neuss, wo er 1969 verstarb.

Ein anderes Kapitel eröffnet Hermann Martin Röhrig auf der Pfarrstelle in Königswinter seit 1937, daneben mit Beschäftigungsauftrag in Rosbach ab 1941. Röhrig wurde 1899 als Pfarrersohn in Dümpten geboren, war Vikar in Bonn, Synodalvikar in Köln und von 1926 bis 1937 Pfarrer in Pfalzfeld. Einerseits verzeichnet ihn Joachim Beckmann nicht unter den rheinischen BK-Pfarrern. Andererseits beschreibt der 2016 verstorbene Pfarrer Peter Hintze ihn in seiner Gemeindechronik von Königswinter als bekenntnistreuen Pfarrer, der „mit seinem Mut eine jüdische Familie vor dem sicheren Tod bewahrte“. Als er 1947 im Amt starb, hatte ihn „die Arbeit der letzten Zeit, die über seine Kraft ging, zumal seine Gesundheit durch die Unterernährung der letzten Jahre sehr geschwächt war, verzehrt“ (Hintze). Auch er gehört in diese Aufzählung.

„Pastor“ Fritz Martin Erhard Schulz wiederum ist bei Joachim Beckmann von Anbeginn als BK-Theologe verzeichnet. Von 1933 bis 1935 leistete er, von Superintendent Ernst Rentrop ordiniert, Dienst als Hilfsprediger in Siegburg. Im Juni 1935 ging er als Hilfsprediger nach Hünxe und wurde im selben Jahr Pfarrer in Altwied: vom Konsistorium nicht anerkannt und wegen seiner BK-Kollekten und Eidesverweigerung mit Strafbefehlen verfolgt. 1939 sofort als Soldat zum Kriegsdienst eingezogen, fiel er 1942 als Unteroffizier eines Infanterieregiments und Inhaber des Infanterie-Sturmabzeichens in Ilmensee / Russland im Kampf.

Ein Sonderfall ist Werner Bernhard Deggeller in Siegburg, der dort bis heute die Meinungen teilt – zu Unrecht, wie die Personalakte zeigt (Bestand Westfalen). Er wurde 1903 in Zaryzin (Südrussland) als Pfarrerssohn geboren, legte das 1. Theologische Examen 1935 in Hannover ab, das 2. 1937 bei der BK in Barmen und durchlief Hilfspredigerstellen in Kreuznach, Dresden (ref.) und ab 1940 in Siegburg. 1943 wurde er dort (Siegburg) als Pfarrer gewählt, wo er bis 1946 Dienst tat. Wie schon bei seinem Vorgänger August Hermann Rehmann hielt seine Kirchengemeinde selbst treu zu ihm, während das Presbyterium ihn ablehnte – in Siegburg war die Fabrikantenfamilie Wilhelm Ley (verwandt mit Robert Ley) sein Hauptgegner. Als es 1946 unter diesen schwierigen Verhältnissen auch noch zu persönlichen Differenzen mit dem neuen Bonner Superintendenten Edgar Boué kam – für den Deggeller stets nur als „gemäßigter“ BK-Theologe galt, wählte letzterer den Weg nach Hagen/Westfalen. In der Johanniskirchengemeinde war er dort bis zu seinem Ruhestand 1969 Pfarrer; 1995 verstarb er da. Jedenfalls führt ihn das BK-Verzeichnis Joachim Beckmanns als Mitglied; spätere Zweifel an seiner grundsätzlichen BK-Treue sind unbegründet.