Eine Gemeinde feiert Jubiläum
von Anna Neumann
12.09.2025
Die Reformation, die Martin Luther mit seinem Thesenanschlag 1517 an der Wittenberger Schlosskirche in Gang brachte, erreichte schließlich auch Herchen an der Sieg. Dies sei „eine Sache persönlicher Entscheidung gewesen“. Der Beginn der Gemeinde verdanke sich einzelnen Menschen, heißt es in der Chronik zum 400. Gemeinde-Jubiläum. Aus einer privaten Versammlung sei die öffentliche Gemeinde Herchen entstanden. Sie bekam Pastoren und die Kirche. Die wenigen Familien, die katholisch blieben, gingen fortan zur Messe ins Zisterzienserkloster. Dazu folgende Zahl aus dem aktuellen Gemeindebrief: Erst 425 Jahre später kamen die Konfessionen wieder zusammen. 1975 gab es in Herchen den ersten ökumenischen Gottesdienst.
Wer in die Gemeindegeschichte ein wenig eintaucht, erfährt: Die Evangelischen in Herchen konnten lange in Frieden ihren Glauben leben. Das änderte sich im Verlauf des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts, als der katholische Glaube zurückgebracht werden sollte. Die Rede ist von brutaler Willkür und schließlich einem herzoglichen Edikt, umgesetzt von Jesuitenpatres, mit dem die Gemeinde ihre Kirche, ihr Pfarrhaus und ihre Anerkennung als öffentliche Gemeinde verlor. „Damit war die Gemeinde bis ins Innerste bedroht“, heißt es in der Jubiläumsgabe von 1950. Sich zu wehren, gelang nicht wirklich. Bis zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs blieb sie „verwaiste Notgemeinde“.
Ungerechterweise und anders als im Westfälischen Friedensvertrag vorgesehen, erhielt die Gemeinde Herchen auch danach ihre alten Rechte nicht zurück. Schließlich kam für zwei Jahrhunderte ein sog. Simultaneum – auch das „keine glückliche Lösung“, da der evangelischen Seite nur ein Mitbenutzungsrecht zugestanden wurde. Gleichberechtigung sieht anders aus.
Eine Wende brachten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die französische Besatzung und der Wiener Kongress. Herchen wurde wieder öffentliche Gemeinde. Die Gemeinde begann sich zu vernetzen: Sie trat der neu entstandenen „Union“ von reformierten und lutherischen Kirchen bei, nannte sich nicht länger „lutherisch“, sondern „evangelisch“. Sie schloss sich der Kreissynode Mülheim am Rhein an – im heutigen Köln, kam später zur Bonner Synode, bevor sie Teil des Evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein wurde.
Doch noch einmal kurz zurück: 1870 endete das Simultaneum. Verzögert durch den Deutsch-Französischen Krieg, ermöglicht durch viel Fundraising, passierte dann etwas Besonderes: Die Evangelischen in Herchen bauten sich ihre eigene Kirche. 1878 war Grundsteinlegung, bald folgte die Einweihung. Und auch sonst war in der folgenden Zeit bis zum Vorabend der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts Aufbau angesagt: Es entstanden Sonntagsschule, Kirchenchor, Posaunenchor, Evangelisches Pädagogium, Gemeindeschwesterstation. Manches brauchte aber auch noch gepflegt lange. Auch dazu eine Zahl aus dem aktuellen Gemeindebrief: 1971 kam die erste Frau ins Presbyterium.
Menschen in Herchen haben relativ früh die Reformation zu ihrer Sache gemacht. Und Menschen in Herchen haben sich beizeiten gegen die nazitreuen „Deutschen Christen“ gestellt. Am 5. November 1934 schloss sich das Presbyterium der Bekennenden Kirche an. Den Kirchenkampf bekam auch die Gemeinde Herchen zu spüren, musste „Drohungen, Schikanen und Lockungen widerstehen“. Ihre Pfarrer Wilhelm Hartig und Alwin Ahlbory stehen namentlich für Standhaftigkeit.
Nun also eine beeindruckend lange Gemeindegeschichte. Eine Vergangenheit und eine Geschichte zu haben ist ein Wert an sich, betont die aktuelle Pastorin der Gemeinde, Dr. Katharina Opalka. „So wie auch die Menschen eine Geschichte haben, aus denen die Gemeinde besteht. Manchmal kann diese Geschichte schön sein, manchmal auch schwer. Alles das kann bei Gott sein“, so die Pastorin. Sie verweist auf ein Taizé-Gebet: „Heiliger Geist, du versenkst unsere Vergangenheit in Christi Herz und nimmst dich unserer Zukunft an.“
Heute zählt Herchen 800 aktive Gemeindemitglieder. Organisatorisch wird die Gemeinde sich noch in diesem Jahr verändern: Ab November soll sie eine pfarramtliche Verbindung mit der Evangelischen Kirchengemeinde Ruppichteroth eingehen.
Jetzt wird erst einmal das Jubiläum gefeiert. Dem Festgottesdienst am Sonntag, 14. September, 11 Uhr, folgt ein Gemeindefest rund um die Kirche an der Siegtalstraße 35, Windeck-Herchen. Die Besucher*innen erwarten u.a. Posaunenchor und Jazz’n’Bo, Klangfarben und Frauen3Klang, Bull Riding und Softeis.
Gemeinde-Website:
https://www.herchen-evangelisch.de/
Den aktuellen Gemeindebrief lesen:
https://www.herchen-evangelisch.de/wp-content/uploads/go-x/u/d413122b-6853-4db0-a11a-04352b187730/EvKirHerchen_Gemeindebrief_2_25_final_web.pdf
Porträt von Pfarrer Wilhelm Hartig und Pfarrer Alwin Ahlbory in der Reihe „Kirchenkampf an Sieg und Rhein – Porträts von BK-Pfarrern“ von Dr. Holger Weitenhagen: