Krieg und Frieden in der eigenen Gemeinde

von Redaktion EKASuR

20.07.2022

Neben seiner Aufgabe als Pfarrer der russisch-orthodoxen Gemeinde Mariä Schutz in Bonn-Bad Godesberg arbeitet Eugen Theodor als Berufsbetreuer für geistig behinderte oder psychisch kranke Menschen.


Er wuchs in Wolgograd in Russland auf, Russisch ist seine Muttersprache. Zu seiner Gemeinde gehören russischstämmige und ukrainischstämmige Menschen. In Zeiten des Ukraine-Kriegs ist das für Pfarrer Theodor eine große Herausforderung. Mit ihm sprach Stefan Heinemann.

 

Sie sind ein Mann mit vielen Talenten: Gelernter Schiffsbauer, studierter Sozialarbeiter und orthodoxer Theologe. Warum sind Sie dann gerade Pfarrer geworden?

Das ist eine gute Frage! Ich war an den Punkt gekommen, dass ich es leid war, immer nur einfach in die Kirche zu gehen. Ich wollte Verantwortung übernehmen für das Leben der Kirche selbst. Ich war damals 18 Jahre alt und wollte mein Leben der Kirche widmen, egal in welcher Form.

Bei einem Konflikt mit Nachbarn Ihrer Kirche ums Glockengeläut wurden Sie 2018 mit dem Satz zitiert: „Eine Kirche soll vor allem eines: Verständnis und Frieden in die Gesellschaft bringen.“

Ja, das ist bis heute meine persönliche Vorstellung von Kirche.

Im Februar hat die russische Regierung aber einen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen. Was hat das für Ihre Gemeinde verändert?

Zuerst bedeutete das großen Stress für uns alle: Wir waren sprachlos. Uns fehlten die Worte. Ich selber hatte mir nicht vorstellen können, dass so ein Krieg im 21. Jahrhundert noch möglich ist. Ich dachte, zwei Weltkriege hätten uns eines Besseren belehrt. In diesen ersten Wochen war ich so gestresst, dass ich mehrere Kilo Gewicht verloren habe.

Wie sind Menschen in Ihrer Gemeinde vom Krieg betroffen?

Unsere Gemeinde mit etwa 3.000 Gläubigen ist multinational: Russen, Ukrainer, Belorussen, Moldawier, Kasachen, Kirgisen, Georgier und Deutsche. Aber viele haben Verwandte auf der einen oder anderen Seite – in Russland und in der Ukraine. Das zerreißt manche Familien.

Hat das zu Konflikten auch in Ihrer Gemeinde geführt?

Zum Glück gibt es in unserer Gemeinde keine Menschen, die mit diesem Krieg einverstanden sind. Wir sind uns einig, dass der Ukrainekrieg eine Katastrophe ist. Umgekehrt ist es für mich aber wichtig, dass wir in Gottesdienst und Gemeinde nicht über diese politischen Themen sprechen. Unsere Kirche bleibt politikfrei. Die Kirche ist der Ort, wo wir vor Gott für Frieden beten. Die Politik muss draußen bleiben. Wir reagieren auf die Situation aber mit Gebet und konkreter Unterstützung – auch für nicht wenige Flüchtlinge aus der Ukraine, die neu in unsere Gottesdienste kommen. Wir bieten Sprachkurse an, sammeln Sach- und Geldspenden.

Gab es auch Anfeindungen von außerhalb gegen Sie als – dem Namen nach – russische Gemeinde?

Nein, ich selber habe das nicht erlebt – außer bei einigen Telefonanrufen von Unbekannten, die uns als Bündnispartner der russischen Regierung und als Kriegstreiber ansahen. Aber wir haben viele ukrainische Gemeindeglieder. Als Gemeinde stehen wir auf Seiten des Friedens.

Ihre Gemeinde ist eine Gemeinde der russisch-orthodoxen Kirche – und damit dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. unterstellt, der die Kriegspolitik Wladimir Putins unterstützt und die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“ bezeichnet. Sitzen Sie zwischen den Stühlen?

Das ist ein großer Unterschied etwa zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche: Der Patriarch ist nicht der Papst. Was Kyrill sagt, ist nicht Gesetz für unsere Gemeinden. Wir haben das Recht auf eine eigene Meinung.

In der evangelischen Kirche wird gerade viel über die Friedensethik gestritten. Im Angesicht des Verteidigungskriegs der Ukraine müsse man darüber sprechen, was ein ‚gerechter Krieg‘ ist, forderte der Wiener Theologe Ulrich Körtner. Was denken Sie?

Ich finde es wichtig, moralische Ethik theologisch neu zu bedenken. Und Gott sei Dank leben wir in einer Demokratie, in der wir offen darüber sprechen können. Aber für mich kann es keine Debatte darüber geben, ob Krieg positiv oder negativ ist – Krieg ist immer negativ und zerstörerisch und schlimm.

Sie sind Hobbywinzer, ziehen den Abendmahlswein im eigenen Kirchgarten. Wie viel Zeit bleibt Ihnen dafür gerade noch?

(lacht) Leider keine. Ich habe gerade keine Zeit für dieses schöne Hobby. Ich habe auch aufgehört, Audiobücher zu hören. Seit der Krieg in der Ukraine begonnen hat, ist das so. Aber das ist für mich auch eine Frage der Prioritäten – also nach dem, was jetzt gerade wichtig ist: Trauben oder Menschen.

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