Kreissynode (1): Neue Konzeption befürwortet – Das Wir im Zweistromland

von Anna Neumann

07.11.2021

Gottes Wort in all seiner Vielfalt. Hilfe, die zu den Menschen kommt. Und gesellschaftspolitisches Engagement zu den Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung von Gottes Schöpfung.


Das sind die Schwerpunkte des Evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein – festgelegt in seiner neuen Konzeption. So hat es die Kreissynode am Samstag befürwortet.

Der Vorschlag bzw. die Vorlage der Konzeption sei weder „vom Himmel gefallen“ noch eine Vorgabe der Landeskirche, hatte zu Beginn dieses Tagesordnungspunktes Pfarrer Carsten Schleef betont. Er ist Assessor, also Stellvertreter der Superintendentin, und auch Vorsitzender des Lenkungsausschusses für die Erarbeitung der Konzeption. Die Kreissynode selbst hatte das Projekt in Auftrag gegeben. 

Die neue Konzeption löst ihre Vorgängerin von 2016 ab wegen einer „gravierend veränderten Ausgangssituation“, so Schleef. Es brauche u.a. auch inhaltliche Kriterien für zukünftiges wirtschaftliches Handeln, genauer gesagt: für den Abbau eines strukturellen Defizits im Kirchenkreis-Etat. Die der Konzeption quasi vorangestellte Grundhaltung eines verstärkten Zusammenhalts im Kirchenkreis, einer wirklichen Gemeinschaft nannte der Seelscheider Pfarrer das „große Wir im Zweistromland“ Sieg und Rhein. 

Große Fülle

„Evangelisch an Sieg und Rhein – Eine Konzeption für die Kirche in der Region“ lautet der Titel. Bevor die Kreissynode die Konzeption mit großer Mehrheit auf den Weg brachte, erläuterten verschiedene Beteiligte ihre Kernaussagen. Der Kirchenkreis mit seinen 30 Gemeinden und darüber hinaus mit seinen gemeinsamen Pfarrstellen und Diensten zeichne sich mit „Fülle“ aus, erläuterte Superintendentin Almut van Niekerk. 

Bereits die Gemeinden bieten enorm vielfältige Angebote. Hinzu kommen beispielsweise mit Krankenhausseelsorge, Religionsunterricht in den Schulen, Bildungsveranstaltungen und Aktivitäten der Jugendarbeit und Diakonie zahlreiche kirchliche Angebote, die allen Menschen zugutekommen. 

Gottes Wort weitersagen

Gottes Wort in all seiner Vielfalt unter die Menschen zu bringen, diese Aufgabe verbinde die verschiedenen Beteiligten aufs Engste, erklärte Doris Hochschild, Mitglied im Kreissynodalvorstand. Der Geschäftsführer der Diakonie An Sieg und Rhein, Patrick Ehmann, machte deutlich, dass Hilfe der Diakonie eng zu verzahnen ist mit diakonischen Angeboten in den Gemeinden und dass es integrierte Lösungen für Menschen in komplexen Problemlagen braucht. 

Den Punkt „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ griff Verwaltungsleiterin Elisabeth von Tiesenhausen auf. Sie erklärte, dass Stellungnahmen und entsprechendes eigenes Handeln gleichermaßen in diesen Schwerpunkt gehören. Gerechter Friede, Kirchenasyl, Antirassismusarbeit, zivile Seenotrettung, ökologisches kirchliches Bauen waren ihre Beispiele.

Die drei inhaltlichen Schwerpunkte bräuchten mehr, um wirksam zu werden, erklärte Pfarrer David Bongartz: gute Netzwerkarbeit, um gemeinsam Probleme zu lösen und Synergien zu erzeugen. Einfach, „damit uns vor Ort nicht die Puste ausgeht“, so der Gemeindepfarrer, der auch dem Kreissynodalvorstand angehört. Für ihn verbindet sich auf diese Weise eine auch disparate Region. 

Digitalisierung bleibt stetige Aufgabe

Was vor 18 Monaten oft undenkbar schien, ist jetzt Standard, sagte Dr. Roland Augustin. Zum Digitalisierungschub seit der Corona-Pandemie gebe es kein Zurück mehr. Die Digitalisierung werde stetiger Teil der Arbeit im Kirchenkreis sein – ohne nicht digital affine Menschen abzuhängen. 

Pfarrer Jens Römmer-Collmann, ein weiteres Mitglied des Lenkungsausschusses für die neue Konzeption, betonte: „Wir schauen nicht mehr vorrangig auf das Institutionelle, sondern auf das Verbindende.“ Mit anderen Worten: „Wir sind evangelisch an Sieg und Rhein.“

Um die Schwerpunkte auch umzusetzen, wird für den Kirchenkreis das Instrument des Entscheidungsbaums gelten. Dieser solle robuste Entscheidungen ermöglichen, erklärte Dr. Dietmar Flösch, Mitglied im Lenkungsausschuss und Vorsitzender des Finanzausschusses. 

Die Gemeindeebene werde geschwächt, heißt eine Kritik

Dem Beschluss ging eine Aussprache voran – in der auch Kritik laut wurde. Mit einem großen Lob für die partizipative, transparente Erarbeitung der Konzeptionsvorlage stieg Pfarrer Christoph Eidmann in seine Kritik ein: Aber hier werde eine „Verwaltungseinheit“ zu einer identitätsstiftenden Fläche aufgewertet. Die Basis der Kirche dagegen werde geschwächt. Das sei falsch. Nötig sei eine Dezentralisierung. „Wo wird die Kirche noch wahrgenommen? Fast ausschließlich auf Gemeindeebene“, argumentierte der Niederkasseler Gemeindepfarrer. 

Eine Zentralisierung? Keineswegs, konterte Pfarrer Bongartz. „Wir wollen in der Fläche präsent bleiben.“ Es würden doch mit „evangelisch an Sieg und Rhein“ gerade alle Akteure in den Blick genommen. Die Stieldorfer Gemeindepfarrerin Ute Krüger erklärte in der weiteren Diskussion, es gehe fraglos um eine Haltungsänderung – „diese Haltung haben wir noch nicht“. Sie plädiere dafür, die Konzeption zu erproben. 

„Ich lese das ,Wir’ als neues Vorzeichen vor der Klammer“, signalisierte auch Dr. Christoph Melchior Zustimmung, Pfarrer aus Bonn-Beuel. Das Wir definiert er entspannt so: „Wir, also die Gemeinden sind der Kirchenkreis.“ 

„Ich komme aus Eurer Mitte“

Zustimmung auch von Notfallseelsorger Albi Roebke: „Hier wird kein Wir aufoktroyiert, sondern das Wir wird endlich sichtbar.“ Für alle, die kein Gemeindepfarramt innehaben, sondern ein Funktionspfarramt in Schule, Klinik oder Gefängnis, gilt: „Ich komme aus Eurer Mitte.“ In seiner früheren Tätigkeit als Berufsschulpfarrer habe er die vielen Menschen erlebt, die sich evangelisch verstehen, aber in der Parochie nicht vorkommen, nicht in Sonntagsgottesdiensten erscheinen. Auch sie sind Wir.

Andere fragten in der Aussprache, ob die Konzeption das Geistliche genügend zum Ausdruck bringt, genügend Theologie enthält. Die Antwort von Jens Römmer-Collmann: Der Text gibt kein starres System vor, sondern bietet „Ermöglichungsräume“. Ebenso sei es mit der Konzeption: Sie sei noch in der Entstehung. Die Synode selbst sei in der Verantwortung, das hinzuzufügen, was sie vermisse.

„Den Stein ins Rollen bringen“

Ähnlich Thomas Weckbecker, Gemeindepfarrer aus Wahlscheid: Letztlich liegt eine Einladung zum Mitmachen vor. Die Haltungsänderung „können wir heute nicht in Stein meißeln, aber wir können den Stein heute ins Rollen bringen“.

 

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