Erinnerung an ein Verbrechen
von Anna Neumann
14.04.2026
An die beiden Opfer des Holocausts wurde jetzt erinnert – am Ort ihres Geschäfts, einem Eckhaus, das später eine Bank war. Seit vielen Jahren sind dort inzwischen die Diakonie und die Evangelische Erwachsenenbildung des Evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein zu finden. In der Pogromnacht 1938 wurden Selma und Felix Oestreicher Opfer von NS-Schergen. Die Schaufenster wurden eingeschlagen, die Auslage gestohlen.
Die Oestreichers konnten ihr Geschäft nie wieder öffnen. Im folgenden Frühjahr zogen sie nach Köln. Später wurden sie in ein Lager in Köln inhaftiert, dann nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Felix Oestreicher am 19. Januar 1944. Selma überlebte zwar das Ghetto. Doch sie wurde am 9. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Diese und weitere Informationen auch zu ihren Kindern hat die Stadt Siegburg anlässlich der Ehrung des Ehepaars Oestreicher zusammengetragen und bekanntgegeben.
Als wichtigen Beitrag der Erinnerungskultur und Zeichen gegen Faschismus würdigt Superintendentin Almut van Niekerk die Ehrung des Ehepaars Oestreicher. An der Feier nahm die leitende Geistliche des Evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein teil; sie ist auch Vorstandsvorsitzende der Diakonie An Sieg und Rhein. Und sie sagt: Heute ist die Ringstraße 2 ein „Ort der Nächstenliebe, des Respekts, der Demokratie, der Vielfalt und des Austauschs“. Schließlich finden hier im „Zeitraum“ Menschen in Nöten Rat und Hilfe. Oder sie lernen die Sprache, um nur zwei Beispiele für das vielfältige Angebot von Diakonie und Erwachsenenbildung zu nennen.
An diesem kalten windigen April-Tag, inmitten vom Lärm der Abbrucharbeiten am Haus gegenüber und des Autoverkehrs in der Ringstraße versammelten sich neben interessierten Bürgerinnen und Bürgern überlebende Angehörige von Selma und Felix Oestreicher und Siegburgs Bürgermeister Stefan Rosemann. Sichtbar erinnert nun vor dem Haus, in der heutigen Fußgängerzone, ein Stolperstein an Selma Oestreicher.
Dass nicht auch der Name Felix Oestreicher mit eingraviert ist, hat den Hintergrund, dass für die verschiedenen Familienangehörigen – wie auch überhaupt in der heutigen jüdischen Community – Stolpersteine unterschiedlich empfunden werden: Für manche sind sie eine würdige Erinnerung, für andere ein Objekt, über das hinweggegangen, auf das getreten werden kann, einfach, weil Stolpersteine ja ins Pflaster eingelassen werden.
Fest steht: Das heutige Gedenken gilt dem Paar gemeinsam. Erzählen wir also mehr von Selma und Felix Oestreicher: Selma (1881-1944) stammte aus Aurich, dem Zentrum jüdischen Lebens in Ostfriesland. Ihr Vater war Getreidehändler und in der Synagogengemeinde engagiert. In erster Ehe war Selma mit Salomon „Sally“ Peiser verheiratet. Er starb 1918 als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg. Wie auch Selma war ihr zweiter Mann Felix Oestreicher verwitwet. Das Paar heiratete Ende der 1920er-/Anfang der 1930er-Jahre.
Angehörige von Selmas Familie aus England und eine Nachfahrin der ersten Ehefrau von Felix nahmen an der Stolpersteinverlegung teil. Alex Michaels reiste mit Frau, den beiden Kindern und seinen Eltern aus London an. Seine Urgroßmutter war die Schwester von Selma. Michaels ist bereits mehrmals nach Deutschland gereist, geht auf Spurensuche, wohnt Verlegungen von Stolpersteinen bei, besucht jüdische Friedhöfe. Er brachte ein Familienalbum mit Schwarzweißfotos mit – viele Bilder sind an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden. Jüdische Männer mit Kaiser-Wilhelm-Bart ließen für Kaiser und Vaterland auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ihr Leben. Auch Selmas erster Ehemann Sally Peiser.
Dass die Erfahrung, mit Deutschland durch dick und dünn gegangen zu sein, die Angehörigen der älteren Generation dazu bewog, trotz zunehmender Repressalien des NS-Staats auszuharren in der Hoffnung, der Spuk sei bald vorbei, berichtete Mary Beer, die aus Berlin zur Stolpersteinverlegung gekommen war. Mary Beers Vorfahrin war die erste Frau von Felix Oestreicher. Die 83-Jährige wurde in englischer Emigration geboren, ihre Eltern kehrten nach 1945 zurück.
Auch Felix Oestreicher, Jahrgang 1877, wollte lange nicht ausreisen, zu hoch sein Alter, zu stark seine Verwurzelung in Deutschland, seine Bindung an Siegburg. Er war eher säkular eingestellt, so die Überlieferung. Selma, geprägt vom gläubigen Elternhaus, war regelmäßig in der Kölner Synagoge an der Roonstraße zu Gast.
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