Evangelischer Kirchenkreis An Sieg und Rhein

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Interview mit Fachberaterin Elke Hörmann ĂŒber die vertrauliche Geburt

Fachberaterin Elke Hörmann

Sie sind im Rhein-Sieg-Kreis Ansprechpartnerin fĂŒr vertrauliche Geburt und haben auch bereits eine betreut. Wie lĂ€uft das ab?

Elke Hörmann: In der Theorie können Frauen, die ihre Schwangerschaft verheimlichen und in Not sind, die Nummer eines Hilfetelefons anrufen. DarĂŒber bekommen sie Kontakt zu einer Beratungsstelle in der NĂ€he, zum Beispiel zur Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle der Diakonie in Siegburg. Wir lernen uns kennen und besprechen mit der Frau gemeinsam ohne Zeitdruck alle Optionen.

Und in der Praxis?

Ich habe bisher drei Frauen beraten, die ihre Schwangerschaft verheimlichen wollten. Eine kam hier zu uns in die Beratungsstelle. Bei den beiden anderen war es so, dass das Krankenhaus mit der Information angerufen hat „Hier liegt eine Frau in den Wehen, die anonym bleiben möchte“. Sie mĂŒssen sich das so vorstellen: Die Frau hat akute AngstzustĂ€nde, sie hat die Schwangerschaft verheimlicht, bis es nicht mehr ging und möchte das Kind nicht behalten. Sie will es in der Klinik gebĂ€ren und dann wieder gehen. Sie sagt ihren Namen nicht und wird auch ihre Krankenkassenkarte nicht zeigen. Die Kliniken sind dennoch verpflichtet, jeden aufzunehmen, der in absoluter Not zu ihnen kommt.

Wie ging es weiter?

Eine Frau hat sich zu einer offiziellen Adoption entschlossen, eine ist anonym geblieben und eine Frau hat sich fĂŒr die vertrauliche Geburt entschieden. In diesem Fall rief mich meine Kollegin an einem Freitag-Nachmittag zu Hause an. Anschließend bin ich in die Klinik gefahren und habe die Frau beraten. Die  vertrauliche Geburt ist nur dann möglich, wenn sie bereit ist, einen Herkunftsnachweis auszufĂŒllen. Ich muss streng nach dem Gesetz handeln, alles dokumentieren und darauf achten, dass das Verfahren korrekt lĂ€uft. NatĂŒrlich habe ich auch einen therapeutischen Auftrag: Gelingt es mir, guten Kontakt zur Frau herzustellen? Kann sie sich mir öffnen? Schaffe ich es in kĂŒrzester Zeit ihre Notsituation zu erfassen? Es geht darum, mit der Frau eine passende Lösung zu finden, denn richtig oder falsch gibt es hier nicht. Und das alles unter dem Zeitdruck der bevorstehenden Geburt. Das war eine Herausforderung.

Was bedeutet der Herkunftsnachweis?

Das Gesetz zur vertraulichen Geburt sichert dem Kind sein Recht, mit 16 Jahren die eigene Herkunft zu erfahren. Auf dem Herkunftsnachweis steht der richtige Name der Mutter und ihr Geburtsdatum, damit sie spĂ€ter auch gefunden werden kann. Ich muss fĂŒr den Herkunftsnachweis einen gĂŒltigen Ausweis von der Frau sehen - ohne den geht es nicht.

Sie sind die einzige, die den Namen der Mutter kennt, hĂŒten also lange ein Geheimnis.

Ja, das ist eine große Verantwortung. Als ich den Namen und das Geburtsdatum der Frau in den Herkunftsnachweis schrieb, habe ich mehrmals kontrolliert, ob auch alles stimmt. Ich dachte die ganze Zeit daran, dass kein Fehler passieren darf. Dann habe ich den Umschlag verschlossen und darauf das Pseudonym der Frau geschrieben. SpĂ€ter kamen noch Geburtsdatum und Geburtsort dazu, ebenso der Name der Klinik, die Adresse der Beratungsstelle und, in diesem Fall, mein Name. Den Umschlag habe ich dann an das Bundesamt fĂŒr Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben geschickt, dort wird er mindestens 16 Jahre lang aufbewahrt.

Wie argumentieren Sie bei der Beratung fĂŒr eine Vertrauliche Geburt?

Die Beratung ist absolut ergebnisoffen, ich suche mit den Frauen gemeinsam nach der fĂŒr ihre Situation besten Lösung. Das Wunschziel ist immer raus aus der Heimlichkeit, um den Weg fĂŒr die offizielle Adoption freizumachen oder bestenfalls das gemeinsame Leben mit dem Kind. Aber ich kann und will die Frau nicht ĂŒberreden. Sie hat ja nicht ohne Grund die gesamte Schwangerschaft verheimlicht.

Wie schaffen Sie es, Vertrauen zu gewinnen?

Ich unterliege als Schwangerschaftskonfliktberaterin einer besonderen Schweigepflicht und sage den Frauen zu allererst, dass unser GesprĂ€ch ein sicherer Schutzraum fĂŒr sie ist und davon nichts nach außen dringt. Die Probleme liegen meist im familiĂ€ren Umfeld. Es ist fĂŒr viele Frauen einfacher, sich einer außenstehenden Fachkraft zu öffnen.

Warum verheimlichen Frauen eine Schwangerschaft?

Die Frauen haben oft mehrere Probleme auf einmal. Angst vor Verlust oder Gewalt in der Partnerschaft, Überforderung durch zu viele Kinder oder außereheliche Kinder, psychische Erkrankungen, SuchtmittelabhĂ€ngigkeiten oder Vergewaltigung. Es hat sich herauskristallisiert, dass die soziale Stigmatisierung durch das Umfeld dabei der entscheidende Punkt ist. Daran mĂŒssen wir als Gesellschaft arbeiten.

Inwiefern?

Ich denke durch eine wertschÀtzende und wohlwollende Haltung. Eine Frau, die ihr Kind abgibt wird schnell als Rabenmutter bezeichnet. Da sollten wir sensibler werden und genauer hinschauen. Keine Frau entscheidet leichtfertig, ihr Kind wegzugeben.

Elke Hörmann ist Diplom-SozialpĂ€dagogin, Familientherapeutin  und ausgebildete Fachberaterin fĂŒr vertrauliche Geburten. Sie bietet fĂŒr die Kolleginnen der evangelischen Schwangerenberatungsstellen des Rheinlandes  Coaching und Supervision an, außerdem ist sie Ansprechpartnerin fĂŒr alle, die mehr ĂŒber das Thema wissen möchten.

Das Interview fĂŒhrte Valeska Zepp

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