Kirche und Kirchensteuer
Apfelkuchen oder das Ende der Einsamkeit
Mal bringt sie Apfelkuchen mit, mal Sorgen. Vor allem seit ihr Mann voriges Jahr gestorben ist.
Mittwochmorgen, kurz vor Zehn. Im Gemeindehaus der Kirche riecht es nach Filterkaffee. Sie stellt den Kuchen ab und schiebt die Servietten in die Mitte des Tisches. „Damit das hier nicht wieder aussieht wie bei Hempels.“
Dann setzt sie sich an ihren Platz und wirft einen kurzen Blick auf die Uhr. Als die Pfarrerin schließlich kommt, platzt sie raus: „Die Blumen müssten auch mal wieder gegossen werden.“
Nach und nach trudeln die anderen ein. Gespräche über den Garten, übers Enkelkind, über den neuen Gehweg vorm Gemeindehaus. Einer sagt: „Habt ihr schon von der neuen Familie gehört? Wo früher die Schmitzens gewohnt haben.“ „Ausländisch“, sagt jemand. „Zwei Kinder, glaub ich“, meint eine andere. „Reden kaum Deutsch“, weiß sie.
Zwei Tage später sieht sie die junge Frau zum ersten Mal aus der Nähe. Die junge Mutter steht in der kleinen Küche des Gemeindehauses und sucht in den Schränken nach einer Tasse. Man hatte ihr gesagt, sie könne nach dem Spieletreff für die Kids noch einen Tee bekommen.
Sie beobachtet die Suche einen Moment. „Offen ist es hier schon“, sagt sie schließlich. „Aber Selbstbedienung gibt’s eigentlich nicht.“
Da fängt sie an zu fragen.
„Wie heißen Sie überhaupt?“
„Und Deutsch… geht so?“
Und dann überlegt sie.
„Ich komme sowieso jeden Tag. Ich kann auch Papier mitbringen.“ Die junge Frau schaut die Ältere überrascht an: „Papier?“ Diese verdreht die Augen. „Zum Schreiben. Lernen.“
Es bleibt nicht bei einer Stunde. Es bleibt auch nicht bei zwei Frauen. Dienstagnachmittag ist jetzt Sprachtreff in der Gemeinde.
Und zum ersten Mal seit langem hat sie das Gefühl, dass es jemand merkt, wenn sie da ist.
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