Evangelischer Kirchenkreis An Sieg und Rhein

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10 Jahre Integrationsagentur - ein Gespräch mit Maria Neuschaefer-Rube

Maria Neuschaefer-Rube

Seit zehn Jahren gibt es Integrationsagenturen in  NRW  ‚Äď aus welchem Grund wurden sie eingerichtet?

NRW geh√∂rt nach wie vor zu den Bundesl√§ndern mit den meisten Zuwanderern. 2007 hatte das Ministerium in enger Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverb√§nden ein neues Konzept aufgelegt: Neben der Beratung f√ľr einzelne Personen, sollte die Beratung f√ľr Einrichtungen entwickelt werden, mit dem Ziel, die gesellschaftliche Teilhabe von zugewanderten Menschen zu unterst√ľtzen. So entstand Ende 2007 auch die Integrationsagentur der Diakonie An Sieg und Rhein, um in unserer Region lokale Netzwerke und das friedvolle Zusammenleben in Vielfalt zu st√§rken.

Mit welchen Fragen kamen und kommen die Institutionen zu Ihnen?

In meinem Arbeitsalltag berate ich Pflegedienste, Seniorenzentren, Vereine, Religionsge-meinschaften, kommunale Einrichtungen, Schulen, Kitas und Familienzentren. Es gab und gibt viele Fragen zum Gesundheitssystem, dieser Themenbereich ist mittlerweile ein Schwerpunkt der Integrationsagentur. Wir schulen zur kultursensiblen (Alten-)Pflege, f√ľhren Info-Veranstaltungen durch, vermitteln √úbersetzer und Gesundheitslotsen. Dazu kommt die Bera-tung in Einzelfragen, zum Beispiel wie eine Pflegeeinrichtung ihre Kapelle interkulturell ge-stalten kann  oder wie kultursensible Angeh√∂rigenarbeit geht. Das ist in den Kitas ebenfalls ein ganz gro√ües Thema: Wie arbeiten wir gut mit den Eltern zusammen? Der Dialog zwischen Erzieherinnen und Eltern findet oft nur zwischen T√ľr und Angel statt. Das macht die Elternarbeit schwieriger, vor allem, wenn es noch Sprachschwierigkeiten gibt.

Was bedeutet interkulturelle √Ėffnung?

Ganz einfach: Wir wollen unsere Einrichtung mit und f√ľr Menschen aus anderen L√§ndern und Kulturen √∂ffnen. Als Fachberaterin schaue ich dann in drei Richtungen: wer sind die Kunden, was bringen die Mitarbeitenden schon mit und gibt es ein Budget? So frage ich beispielsweise in Kitas, aus welchen L√§ndern die Kinder kommen. Wir √ľberlegen gemeinsam, was sie f√ľr einen guten Kita-Alltag brauchen, wenn es z.B. um Ern√§hrung oder Hygiene geht und ob es landesabh√§ngige Unterschiede gibt. Dann schaue ich auf das Team: Gibt es Mitarbeitende aus anderen L√§ndern, welche Sprachen sprechen sie? Gibt es Bedarf nach Fortbildungen oder interkulturellem Training? Ich frage auch nach den finanziellen Mitteln: Steht Geld zu Verf√ľ-gung, um Sachen √ľbersetzen zu lassen, Dolmetscher zu engagieren oder mehrsprachige B√ľcher zu kaufen?

Braucht man ein bestimmtes Budget, um sich interkulturell öffnen zu können?

Ganz ohne Geld geht es nicht. Manchmal schie√üt die  Kommune etwas zu. Unsere Fortbildungen  bieten wir sogar kostenfrei an.
Was ändert sich nach einem interkulturellen Training?
Zum einen ver√§ndern sich die Haltung und die Atmosph√§re. In den interkulturellen Trainings arbeite ich ganz viel mit der Wahrnehmung f√ľr das Eigene und das Fremde. Wir schauen ja alle durch eine kulturelle Brille und haben Schubladen und Vorurteile. Wenn wir uns dessen bewusst sind, gehen wir auch anders mit zugewanderten Familien um.

Zum anderen baue ich Br√ľcken zwischen Organisationen. Das ist ein zentraler Punkt meiner Arbeit. Ich vernetzte die Institutionen miteinander und mache bekannt, was es in der Region schon alles gibt: Ansprechpartner f√ľr Eltern beim Sportverein, eine Gruppe f√ľr fr√ľhkindliche F√∂rderung, Beratungsstellen wie die Fl√ľchtlingsberatung oder die Migrationsberatung, zu denen Erzieherinnen die Eltern bei Bedarf vermitteln k√∂nnen.

Haben Sie ein Beispiel?

Als sehr viele gefl√ľchtete Familien zu uns kamen, gab es einzelne Mitarbeitende in Kitas, die wenig Verst√§ndnis daf√ľr hatten, wenn diese Eltern ihre Kinder nicht p√ľnktlich in die Kita brachten. Das √§nderte sich, nachdem wir aus dem Alltag einer Unterkunft berichteten: Dass es dort schwer ist, zur Ruhe zu kommen, dass es erst morgens leiser wird, die Kinder sehr sp√§t einschlafen und die Eltern sie dann schlafen lassen, statt p√ľnktlich in die Kita zu bringen. Wenn man die Lebenswelt des anderen etwas √∂ffnet, kann sich dadurch ein gewisses Verst√§ndnis entwickeln

Im Oktober 2017 wurde im Rhein-Sieg-Kreis ein Siegel eingef√ľhrt f√ľr interkulturelle √Ėffnung. Was hat es damit auf sich?

Das Siegel ‚ÄěInterkulturell orientiert‚Äú richtet sich an Kommunen und Vereine. Zusammen mit dem Kommunalen Integrationszentrum, der Integrationsagentur der Kurdischen Gemeinschaft und der Caritas haben wir einen Ma√ünahmenkatalog entwickelt. Zu Beginn f√ľhren wir Gespr√§che und vereinbaren Ziele mit den Kommunen und Vereinen: kurzfristige, mittelfristige und langfristige Meilensteine f√ľr die interkulturelle √Ėffnung. Ein kurzfristiger w√§re zum Beispiel, dass Kommunen bei ihren Stellenausschreibungen einen Zusatz formulieren wie ‚ÄěMenschen die mehrsprachig sind oder Zuwanderungsgeschichte haben, sind bei uns sehr willkommen‚Äú. Ein mittelfristiger Meilenstein k√∂nnte eine St√§rkung der interkulturellen Kinder- und Jugendarbeit sein und ein langfristiger w√§re zum Beispiel die verst√§rkte Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen und Migrationsdiensten. 

Das Siegel soll auch dazu dienen, eigene Strukturen und eigenes Verhalten zu reflektieren und sich bewusst f√ľr eine Ver√§nderung zu entscheiden.

Was haben die Integrationsagenturen in den zehn Jahren ihres Bestehens erreicht?

Wir sind zu Knotenpunkten im Integrations-Netzwerk geworden und hatten entscheidenden Anteil an seinem Aufbau. Dementsprechend k√∂nnen wir zwischen den verschiedenen Gruppen vermitteln und die unterschiedlichen Anliegen schnell und unb√ľrokratisch aufgreifen. Am wichtigsten ist f√ľr mich aber die allm√§hliche Ver√§nderung der Einstellung von Organisationen, Kommunen und Einzelnen. Sie stellen zunehmend fest, dass verschiedene Kulturen in einer Gesellschaft einen Mehrwert f√ľr alle haben.

Maria Neuschaefer-Rube ist Ethnologin und leitet seit 2012 die Integrationsagentur des Diakonischen Werkes An Sieg und Rhein.

Das Interview f√ľhrte Valeska Zepp

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